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Ratgeber

Charmeuse, Crêpe, Habotai. Ein Führer durch die Seidengewebe

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Dunkelrote Seide in fließendem Gewebe, ein Lichtband entlang der Falte

Zwei Stoffe liegen nebeneinander auf dem Zuschneidetisch. Beide sind Seide, beide stammen von derselben Art Faden. Der eine fließt über die Tischkante wie verschüttetes Wasser, der andere hält in der Luft inne und kehrt zu sich zurück, als hätte er eine eigene Meinung.

Den Unterschied macht nicht die Faser, sondern die Art, wie sie gedreht und verkreuzt wurde. Die Namen auf dem Etikett, die klingen wie eine Liste von Stationen einer Reise, beschreiben in Wahrheit ein Temperament. Sie zu kennen lohnt sich, denn sie sagen mehr darüber, wie ein Stück getragen wird, als jede Produktbeschreibung.

Faser, Garn, Gewebe: drei verschiedene Dinge

Seide ist eine Faser, kein Stoff. Sie ist Rohmaterial: ein einziger Endlosfaden, den die Seidenraupe um sich spinnt, gemessen nicht in Zentimetern, sondern in Hunderten Metern. Erst was danach mit ihm geschieht, entscheidet über alles, was die Haut später spürt.

Zuerst das Garn. Der Faden kann fast gerade bleiben oder hart gedreht werden, mehrere hundert Drehungen je Meter. Der Draht nimmt Glanz und gibt Sprungkraft zurück. Dann das Gewebe: Atlas, Leinwand, Köper, jedes mit einer anderen Zahl von Kreuzungen. Je seltener sich die Fäden treffen, desto länger liegen sie an der Oberfläche, desto mehr Licht geben sie zurück und desto stärker fließt der Stoff.

Daraus entsteht die häufigste Verwechslung: Satin ist der Name eines Gewebes, nicht eines Materials. Man kann ihn aus Polyester und aus Seide weben, und der Unterschied unter der Hand ist der zwischen Glas und Wasser. Seidencharmeuse ist ein Satin, aber nicht jeder Satin ist Seide.

Momme, die Zahl, die mehr sagt als der Name

Auf den Etiketten besserer Stoffe steht neben dem Namen eine Zahl: 16 mm, 19 mm, 22 mm. Das ist Momme, ein altes japanisches Gewichtsmaß, das bis heute allein für Seide verwendet wird. Je höher, desto schwerer und dichter das Gewebe.

Die Skala ist erstaunlich gut lesbar. Sechs bis acht Momme ist ein Schleier, durch den eine Hand scheint. Zwölf bis sechzehn ist das übliche Gewicht einer Bluse oder eines leichten Kleides. Neunzehn liegt bereits spürbar schwer in der Hand und legt sich in weiche Falten. Zweiundzwanzig und mehr bleibt Bettwäsche vorbehalten und jenen Stücken, die Hunderte Wäschen überstehen sollen.

Die Einheit stammt aus der Zeit, als Seide in japanischen Gewichtsmaßen verrechnet wurde, und hat sich gehalten, weil sie praktisch ist. Ein Momme entspricht etwa viereinhalb Gramm je Quadratmeter, ein Stoff mit neunzehn Momme wiegt also rund achtzig Gramm. Die Zahl sagt nichts über die Dichte der Bindung oder die Güte der Färbung, aber sehr viel darüber, wie ein Stück fällt.

Eine höhere Zahl bedeutet nicht automatisch einen besseren Stoff. Sie bedeutet eine andere Aufgabe. Ein Futter aus zweiundzwanzig Momme wäre unter einem Jackett nicht tragbar, ein Nachthemd aus acht Momme überstünde keine einzige Saison.

Charmeuse: die leuchtende und die matte Seite

Charmeuse ist das, was die meisten meinen, wenn sie Seide sagen. Die Atlasbindung führt den Kettfaden über mehrere Schussfäden zugleich, sodass die Oberfläche ein beinahe ununterbrochenes Lichtband wird. Die Rückseite bleibt matt und leicht rau, und das ist der einfachste Weg, dieses Gewebe mit geschlossenen Augen zu erkennen.

Diese Konstruktion gibt ein Gewicht, das senkrecht nach unten fällt. Ein Unterkleid aus Charmeuse steht nicht auf dem Körper, es rinnt an ihm herab, und zeigt deshalb gnadenlos alles, was darunter liegt. Es hat auch seine Ansprüche: die langen Flottierungen bleiben leicht hängen, und jeder Fingernagel hinterlässt eine feine helle Linie im Gewebe.

Gebügelt wird ausschließlich von links, durch Baumwolle, auf niedrigster Stufe. Ein Eisen direkt auf der Schauseite drückt die langen Flottierungen flach und hinterlässt ein helleres, mattes Feld, dessen Glanz sich nicht zurückholen lässt.

Crêpe: eine Körnung, die nicht klebt

Crêpe de Chine entsteht aus sehr hart gedrehtem Garn, dazu abwechselnd rechts- und linksherum. Das Ergebnis ist mit bloßem Auge sichtbar: Die Oberfläche trägt eine feine, unregelmäßige Körnung, und der Glanz wird zu einem tiefen matten Leuchten.

Getragen verhält sich Crêpe völlig anders als Charmeuse. Die Sprungkraft der Drehung hält den Stoff vom Körper fern, statt ihn anzukleben, er knittert weniger und verzeiht mehr. Georgette ist dasselbe Prinzip, weitergedacht: Crêpegarn in beiden Richtungen, transparent, leicht trocken im Griff und voller Luft.

Soll Seide in der Hitze, auf Reisen oder durch einen ganzen Arbeitstag getragen werden, ist Crêpe meist die klügere Wahl als Satin. Es ist derselbe Faden, nur besser auf das Leben vorbereitet.

Habotai, Pongé, Organza: Leichtigkeit auf verschiedene Weise

Habotai, auch Pongé genannt, ist Leinwandbindung in ihrer einfachsten Form: Faden über Faden, ohne Kunstgriffe. Leicht, glatt, kühl, in Gewichten von fünf bis zwölf Momme. Daraus werden Futter, Tücher und jene Teile der Garderobe, die unsichtbar bleiben sollen. Es ist zugleich das empfindlichste der Familie, denn in der Leinwandbindung gibt es keine Fadenreserve, die Spannung aufnehmen könnte.

Organza ist trotz derselben Bindung sein Gegenteil. Es wird aus so hart gedrehtem Garn gewebt, dass der Stoff steif wird und raschelt und dabei völlig durchsichtig bleibt. Er fließt nicht, er hält Form, und erscheint deshalb überall dort, wo Form gebraucht wird: im Ärmel, in der Volante, in der Schicht, die eine andere tragen soll.

Mulberry, Tussah, Dupion: woher die Ungleichmäßigkeit kommt

Mulberry-Seide stammt vom gezüchteten Maulbeerspinner, der ausschließlich Maulbeerblätter frisst. Der Faden ist lang, gleichmäßig und von Natur aus hell, deshalb sind die Gewebe glatt und nehmen Farbe gleichmäßig an. Von dieser Seide sprechen die Momme-Zahlen.

Tussah wird aus wilden Kokons gewonnen, die geöffnet werden, nachdem der Falter sie verlassen hat. Die Faser ist kürzer, dunkler, mit einem warmen Naturton, der sich nicht ganz herausbleichen lässt. Der Stoff wird matter und hat eine fühlbare Textur.

Dupion entsteht aus Doppelkokons, die zwei Raupen nebeneinander gesponnen haben. Die verschlungenen Fäden ergeben die charakteristischen Verdickungen, die in unregelmäßigen Bahnen quer über das Gewebe laufen. Das ist kein Fehler der Verarbeitung, sondern die Signatur des Rohstoffs, und genau deshalb kommt Dupion dorthin, wo ein Stoff seine eigene Zeichnung haben soll.

Wie man das alles mit der Hand prüft

Namen helfen, doch das letzte Wort haben die Hände. Ein Stück Stoff zwischen den Fingern verrät über die Bindung mehr als jedes Etikett: Charmeuse rinnt und bleibt kühl, Crêpe setzt leichten Widerstand entgegen und erwärmt sich schneller an der Haut, Organza bleibt, wo es ist.

Auch das Licht lohnt einen Blick. Echte Seide wirft keinen flachen Blitz zurück, sondern wechselt mit der Bewegung den Ton, weil der dreieckige Querschnitt der Faser das Licht wie ein Prisma streut. Deshalb wirkt schwarze Seide in Bewegung tiefer als schwarzes Polyester, und weiße Seide ist nie ganz weiß.

Auch eine einfache Knitterprobe hilft. In der Hand zusammengedrückte und wieder losgelassene Seide öffnet sich langsam, aber sie öffnet sich, und die Stelle bleibt einen Moment länger warm, als man erwartet. Kunstfasern springen sofort zurück oder gar nicht und bleiben kühl, so lange eine Hand sie auch gehalten hat.

Seide ist kein einzelner Stoff, sondern eine Familie von Temperamenten aus demselben Faden.

Die beiden Stücke auf dem Zuschneidetisch liegen noch immer nebeneinander. Aus dem einen wird ein Unterkleid, das unter einer Robe verschwinden soll, aus dem anderen ein Ärmel, der den ganzen Abend Form halten muss. Beide Entscheidungen fielen, bevor irgendjemand an den Schnitt dachte.

Das Wissen um Gewebe ist kein Sammlerwissen. Es ist das, was seltener und treffsicherer einkaufen lässt, weil es erkennen hilft, ob ein Stoff das leisten wird, was man von ihm erwartet, noch bevor man ihn anzieht.